WIE VERBRINGEN JUNGE GEFLÜCHTETE IHRE FREIE ZEIT IN DEUTSCHLAND?

Ausführungen von Prof. Dr. Thomas Coelen zum Flüchtlingsbegriff

Veröffentlicht am 21.03.2017
Die Diskussion um den Begriff des „Flüchtlings“ wird selbst unter Sprachwissenschaftlern (vgl. u.a. Stefanowitsch 2012) kontrovers diskutiert. Auf Tagungen, in Publikationen und Abhandlungen, die ich besucht habe und über die ich gelesen habe, wird gegenüber dieser Begrifflichkeit ein gewisses Unbehagen kommuniziert.

In der Studie "The Making of The Modern Refuge" stellt Peter Gatrell (2013, S. 284) fest: "One risk is taking the refugee label for granted. Labels have consequences". Er weist damit darauf hin, dass Definitionen des Flüchtlingsbegriffs ein- und ausgrenzen, wem ein Anspruch auf Aufnahme und Schutz zugesprochen wird (vgl. auch Scherr, 2015). In seiner Studie weist er nach, dass diesbezüglich immer auch politische Interessenkalküle wirksam wurden, also nicht nur humanitäre und menschenrechtliche Bewertungen. Dies gilt auch für den gegenwärtig wirkungsmächtigsten Flüchtlingsbegriffs, der in der Genfer Konvention in der Form einer völkerrechtlichen Vereinbarung festgeschrieben ist.

Die folgende nicht hierarchische und nicht vollständige Aufzählung fasst wesentliche Kritikpunkte zum Flüchtlingsbegriff zusammen:

1. Wortendung "-ling" vermittelt Passivität

Die Endlung "-ling" kann negativ konnotiert sein bzw. eine Abhängigkeit oder Passivität ausdrücken. Die Vermutung ist, dass –ling auf etwas Passives hinweist. Stefanowitsch (2012; 2015) zieht Analogien zu dem Wort "Prüfling" der bei Teilen der Bevölkerung als etwas Passives wahrgenommen wird: Der Prüfling ist derjenige, der in der Prüfung weniger mächtig ist. Der Prüfer ist der, der sagt, wo es langgeht und der Prüfling ist der, der sich hier beweisen muss. Es ist häufig so, dass ein gewisses Abhängigkeitsverhältnis besteht. Das lässt die Vermutung zu, dass man mit dem Wort Flüchtling Menschen (unbewusst?) beschreibt, die sich ihrem Schicksal irgendwie passiv ergeben haben.

2. Obsoleter Bezug zur deutschen Nachkriegsgeschichte

"Flüchtlinge" erinnern an die Folgen der NS-Diktatur und damit an unsere eigene kollektive Geschichte von Flucht und Vertreibung. Flüchtlinge – das waren Bertolt Brecht, Kurt Tucholsky, Willy Brandt, Else Lasker-Schüler oder Albert Einstein. Flüchtlinge waren vor allem unsere Eltern und Großeltern, die nach dem Krieg ihr Eigentum verloren, mit Karren zu Fuß nach Westen zogen und Schauerliches erlebten. Die Erinnerung daran ist in vielen Familien noch heute sehr lebendig. Und nicht wenige Engagierte erklären heute ihr Tun auch mit dem Satz: "Meine (Groß-)Eltern waren damals auch Flüchtlinge." Die Gemeinsamkeiten solcher Erfahrungen mit denen der Kriegsflüchtlinge heute zu sehen, öffnet die Tür für Empathie.

3. Der Begriff „Flüchtling“ wird und wurde medial häufig negativ besetzt.

Hier sei an die Diskussion der "Flüchtlingskrise", des "Flüchtlingsdeals" oder des "Wirtschaftsflüchtlings" erinnert. Gerade der letzte Begriff ist abschätzig und wird häufig politisch instrumentalisiert: So wird der, der aus ökonomischen Gründen migriert, gar nicht als "echter" Flüchtling angesehen, obwohl dies nach der Genfer Definition sehr wohl der Fall ist.

Eine nicht repräsentative Befragung der Wochenzeitung "Die Zeit" (19/2016) bestätigte die Wahrnehmung der Berichtserstattung über "Flüchtlinge" in den Bereichen Integrationsbereitschaft, Auswirkungen auf den Wohlstand oder auch Folgen auf ein friedliches Zusammenleben zudem. Hier gaben die meisten der Befragten an, dass "häufiger" bzw. "gelegentlich" in den Medien negativ über Flüchtlinge berichtet wird.

4. Gendergerechte Verwendung des Begriff

Das Wort Flüchtling ist grammatikalisch ein Maskulinum: der Flüchtling – und man sieht tatsächlich auch im Sprachgebrauch, dass es häufig so verwendet wird, als ob damit nur die Männer gemeint sind. Die weiblichen Flüchtlinge werden oft als Flüchtlingsfrauen bezeichnet, als ob es quasi nur die Frauen von den eigentlichen Flüchtlingen wären. Und das ist tatsächlich etwas, was sich mit dem Wort Geflüchtete vermeiden lässt.

Gegenüber der Verwendung des Begriffs des Flüchtlings spricht grundsätzlich nichts, wenn dieser sensible für Fragen von Variabilität, Inkontinuität und Repräsentation ist. Sicherlich löst der Begriff des "Geflüchteten" nicht all diese Schwierigkeiten und Prozesse von Labeling, er zeigt aber die Bereitschaft, sich migrationssensibel auf diese Menschen und den Diskurs einzulassen und daher schlage ich vor, diesem Begriff den Vorzug zu geben.
Quellen:
Anatol Stefanowitsch (2012): Flüchtlinge und Geflüchtete. Online einsehbar unter:
http://www.sprachlog.de/2012/12/01/fluechtlinge-und-gefluechtete/
Gatrell, P., 2015: The Making of the Modern Refugee. Oxford
Scherr, A., 2015: Wer soll deportiert werden? Wie die folgenreiche Unterscheidung zwischen den »wirklichen« Flüchtlingen, den zu Duldenden und den Abzuschiebenden hergestellt wird. In: Soziale Probleme, H. 2/2015:151-170