PREISVERLEIHUNGEN FÜR LEUCHTTURM- UND BUCHPREIS 2017 IN BERLIN

Autisten vorurteilsfrei besser verstehen

Veröffentlicht am 29.11.2017

Hohen Fortbildungsbedarf bei Ärzt/innen, Lehrer/innen, Erzieher/innen und anderen Fachleuten zur Diagnose, zur Therapie und zum alltäglichen Umgang mit Kindern und Jugendlichen im Autismus-Spektrum sieht der Tübinger Mediziner Dr. Gottfried Maria Barth. "Autismus ist keine Krankheit, die man heilen könnte. Es ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung des Gehirns", erklärte der Kinder- und Jugendpsychiater in Berlin anlässlich der Verleihung der Jahrespreise 2017 der Stiftung Ravensburger Verlag. Barth räumte mit dem Vorurteil auf, dass Erziehungsfehler oder mütterliche Gefühlskälte Kinder zu Autisten machen könne.
An diesem Abend überreichte Stiftungsvorstand Johannes Hauenstein den mit 12.000 Euro prämierten Leuchtturmpreis der Stiftung an Inke Haußmann und Aurica Andres für die ehrenamtliche Initiative "Autismus verstehen e. V." und den gleich dotierten Buchpreis an die Schriftstellerin Annette Mingels für ihren Familienroman "Was alles war".

Leuchtturmpreis: Lobby für Betroffene und Angehörige

"Die Tätigkeit der Ehrenamtlichen im Verein 'Autismus verstehen' erfüllt in hohem Maße die Ziele unseres Leuchtturmpreises", begründet Stiftungsvorstand Johannes Hauenstein die Preisentscheidung. "Betroffene Eltern, Angehörige und Betroffene selbst finden hier kompetente und hilfsbereite Gesprächspartner, um sich im Labyrinth von Behörden, Medizinern, Einrichtungen zurechtzufinden und für den Alltag zu wappnen. In dieser Notsituation steht der Verein 'Autismus verstehen' ihnen zur Seite."
Ein bis zwei Prozent der Gesamtbevölkerung befinden sich im Autismus-Spektrum, schätzen Fachleute. Man unterscheidet zwischen frühkindlichem Autismus, Asperger-Syndrom und unspezifischem Autismus

Autisten fühlen sich innerlich in einem Gefängnis eingeschlossen

"Autismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung des Gehirns, die mit besonderer Wahrnehmung, emotionalem Erleben und Verhalten der Betroffenen verbunden ist." Dafür gebe es keine ursächliche Therapie, doch eine intensive Förderung könne vielen Betroffenen helfen. Die Diagnostik habe sich in den letzten 20 Jahren verbessert, berichtete Dr. Gottfried Barth, Oberarzt am Universitätsklinikum Tübingen. Der Kinder- und Jugendpsychiater hielt den Hauptvortrag der Veranstaltung über das Thema Diagnose, Forschungsstand und Persönlichkeitsmerkmale des Autismus-Spektrums und Asperger-Symdroms.

Kein Small-Talk, keine Erkennen von Mimik

"Wir erkennen heute die auffällige Symptomatik wie Rückzug, veränderte Kommunikation oder stereotype, einstudierte Verhaltensweisen. Autistische Kinder, Jugendliche und Erwachsene verfügen über eine intensive und detaillierte Wahrnehmung, sind aber kommunikativ unbegabt, können zum Beispiel den Gesichtsausdruck einer anderen Person nicht deuten, erkennen Witz und Ironie nicht, wissen mit Small-Talk nichts anzufangen. Oft leiden sie unter starken Ängsten und sind angespannt und sehr erschöpft beim Versuch, ein 'normales' Leben zu führen." Der Mediziner fuhr fort: Obwohl sie nach außen emotional reduziert erscheinen, erleben sie intensive Gefühle, die sie in sich verschließen müssen. Ein einsameres Leben ist kaum vorstellbar."

Autistische Kinder lassen sich trainieren, nicht anpassen

"Die Schule muss sich den Kindern anpassen, weil es umgekehrt nicht geht", erklärte Dr. Barth. "Jedes autistische Kind ist anders, deshalb hat die Schule den Auftrag, sich darauf individuell einzustellen. Im Gegensatz zu Kindern mit einer ADHS-Störung lassen sich Autisten zwar 'trainieren', können aber nicht im Unterricht 'problemlos' funktionieren. Es gibt auch keine Medikamente und keine Heilung dieser neurologischen Veränderung im Gehirn. Dennoch erfährt die Gesellschaft durch die Menschen im Autismus-Spektrum eine Bereicherung. Wir müssen ihnen deshalb die Chance bieten, ihre oft hochspezialisierten außergewöhnlichen Fähigkeiten, aber auch ihre Einschränkungen auszudrücken." Schulen, Universitäten und Betriebe sollten unterstützt werden, um autistische Menschen zu integrieren.

Annette Mingels erhält Buchpreis Familienroman 2017

In seiner Laudatio auf die Buchpreisträgerin Annette Mingels nannte Literaturkritiker Dr. Uwe Wittstock den Familienroman "Was alles war" ein Werk, "das von den wichtigsten, ungreifbarsten, den prägendsten und zugleich ambivalentesten Faktoren, die ein Leben beeinflussen", erzählt. Ihr Thema sei "das Geflecht der Familienbindungen", die sich als ein Netz erweise, "das den Einzelnen wenn möglich nicht einfängt und fesselt, sondern auffängt und Halt bietet".

Entscheidungsfreiheit mit Schattenseite

Der Roman stelle ein gelungenes Bild unseres Zeitalters dar, in der den Menschen "die Freiheit der Entscheidung" geschenkt worden sei. Die Romanheldin könne sich jeweils pro oder contra Patchwork-Mutterschaft, eigenes Kind, berufliche Selbstständigkeit, Alleinerziehende oder traditionelle Ehefrau entscheiden. Dieser Zwang zur Entscheidung sei zwar die Schattenseite gewachsener gesellschaftlicher Freiheiten, sorge aber für ein bewussteres Leben: "Es ist keine Konvention, kein blindes Schicksal und auch nicht die Diktatur der Mutterschaft, die sie an ihre Ehe und Familie bindet oder trennt, sondern es ist die Wahl, die sie selbst für sich trifft." Typisch für eine Frauenbiografie unserer Zeit sei auch die "Vielzahl von Rollen, denen die Heldin als Wissenschaftlerin, Ehefrau, Mutter und Tochter" gerecht werden müssen.