DIE SMARTEN UND PRAGMATISCHEN –
ZUM WERTEWANDEL VON KINDERN UND JUGENDLICHEN

Preisverleihungen für Leuchtturm- und Buchpreis 2016 in Berlin

Veröffentlicht am 30.11.2016

"Kinder und Jugendliche blicken in ihre persönliche Zukunft sehr optimistisch, betrachten aber die gesellschaftlichen Zukunftsaussichten deutlich skeptischer." Dies erklärte der Siegener Erziehungswissenschaftler Professor Dr. Thomas Coelen am Montagabend in Berlin anlässlich der Verleihung der Jahrespreise 2016 der Stiftung Ravensburger Verlag. Coelen hielt aus diesem Anlass den Hauptvortrag zum Thema "Wertewandel bei Kindern und Jugendlichen".

An diesem Abend überreichte Stiftungsvorsitzende Dorothee Hess-Maier den mit 12.000 Euro dotierten Leuchtturmpreis der Stiftung an Sabine Kraft für die ehrenamtliche Initiative "OSKAR-Sorgentelefon" und den auch mit 12.000 Euro prämierten Buchpreis an den Schriftsteller Benedict Wells für seinen Familienroman "Vom Ende der Einsamkeit".

Familie, Freunde, Unabhängigkeit – das bewegt Heranwachsende

Professor Coelen, dessen Fachgebiet in der Universität Siegen Sozialisation, Jugendbildung, Lebenslaufforschung ist, zeichnete anhand von Daten aus aktuellen Jugendstudien den Wertewandel der vergangenen zehn Jahre bei der heranwachsenden Generation nach. Dabei stellte er Bezüge zur pädagogischen und außerschulischen Praxis her. Er berichtete: "Die 'pragmatische' und 'smarte' Generation der heutigen Kinder und Jugendlichen hält stark an althergebrachten Werten fest.
Die persönliche Zukunft wird von den Jüngsten als sehr positiv gesehen, zugleich wird die gesellschaftliche Zukunft deutlich skeptischer betrachtet. Ebenso widersprüchlich ist es, dass Familien- und Freundschaftsbindungen ihnen sehr wichtig sind, zugleich aber auch ihr Streben nach Unabhängigkeit und Individualismus."

Etwas zu können, sei ein bei Kindern und Jugendlichen hoch geachteter Wert, erklärte Coelen. "Allzu viel dafür zu tun, gilt aber als uncool." Hohe Schulabschlüsse und große Berufserfolge wollten so viele junge Menschen wie nie zuvor erzielen. Auch habe die Bedeutung der religiösen Orientierung für sie deutlich zugenommen. Gesellschaftliche Mitbestimmung werde gewünscht, allerdings nicht in der organisierten Politik.

Rettungsseil "OSKAR-Sorgentelefon"

Als "Rettungsseil in schwierigen Zeiten, das Trost spendet, Halt und neue Kraft gibt", würdigte die SPD-Bundesabgeordnete Hilde Mattheis die Arbeit der Leuchtturmpreisträgerin Sabine Kraft und ihrer ehrenamtlichen Mitarbeiter/innen für das "OSKAR-Sorgentelefon" innerhalb des Bundesverbandes Kinderhospiz. "Für Außenstehende ist es kaum zu ermessen, wie sich Eltern und Angehörige eines todkranken Kindes fühlen: das Leben als ein permanenter Fall in ein schwarzes Loch", sagte die Laudatorin.

Hilfsangebote und Beratung unter dieser Nummer: 0800 / 88884711

Die seit 2015 etablierte Einrichtung "OSKAR-Sorgentelefon" hat 30 ehrenamtliche, professionell geschulte Mitarbeiter/innen, die rund um die Uhr Anrufe von Eltern lebensverkürzend erkrankter Kinder entgegen nehmen, auch von den Kindern selbst, von Großeltern, Geschwistern, Freunden der Familie, von Erzieherinnen und Lehrerinnen sowie Fachleuten und Ehrenamtlichen, die mit schwerstkranken Kindern zu tun haben. Auch Menschen, die um ein verstorbenes Kind trauern, finden unter der Hotline verständnisvolle und kompetente Gesprächspartner.
Diese stehen auch mit praktischem Rat zur Verfügung. Das Herzstück der Organisation ist eine Datenbank mit Tausenden von Namen und Kontaktdaten von Fachleuten – Palliativmedizinern, Kliniken, Hospizen, Psychologen und Trauerbegleitern. Um die seelischen Belastungen dieser Tätigkeit selbst auszuhalten, erhalten die Hotline-Mitarbeiter/innen regelmäßig eine professionelle Supervision.

Etwa 5.000 todkranke Kinder und Jugendliche sterben jedes Jahr

Der Bundesverband Kinderhospiz e. V. finanziert sich durch Spenden, Mitgliedsbeiträge, Bußgelder und Nachlässe. "OSKAR" ist sein größtes Projekt. Es begann im Jahr 2015 als Pilot, sehr rasch zeigte sich der hohe Bedarf: Im ersten Arbeitsjahr meldeten sich 4.000 Anrufer, berichtet Geschäftsführerin Sabine Kraft. "Die meisten der 40.000 erkrankten Kinder und Jugendlichen in Deutschland, die das Erwachsenenalter nicht erreichen werden, haben nicht Krebs, wie oft vermutet wird, sondern Muskelatrophien und Organschädigungen. Auch 'Frühchen', die nicht lebensfähig sind, zählen dazu." Etwa 5.000 dieser Erkrankten sterben jährlich. Das Sorgentelefon für die betroffenen Familien und ihr soziales Umfeld ist eine weltweit einmalige Initiative.

Benedict Wells erhält Buchpreis Familienroman 2016

In seiner Laudatio auf den Buchpreisträger Benedict Wells nannte Focus-Literaturkritiker Dr. Uwe Wittstock den Familienroman "Vom Ende der Einsamkeit" einen "Familiensehnsuchtsroman". In der "Versuchsanordnung" seiner Geschichte von drei verwaisten Geschwistern auf Identitätssuche sei das Gefühl familiärer Geborgenheit das entscheidende Erinnerungskriterium. "Wir wachsen in unseren Familien nicht als Biografen oder Historiker unserer Eltern oder sonstiger Vorfahren auf.
Uns interessiert nicht die Herkunft, sondern die Gegenwart. Das Fragen nach Gründen und manchmal auch nach den Abgründen der Familiengeschichten kommt erst Jahre später, und dann müssen wir meist tief graben, bis unter den Allerwelts-Antworten die etwas spezielleren Wahrheiten sichtbar werden." Es sei dem Autor mit literarischen Mitteln gelungen, "mehr über dieses ebenso einmalige wie vielfältige Beziehungsgeflecht Familie zu erfahren".