LEUCHTTURM-PREIS 2017 DER STIFTUNG RAVENSBURGER VERLAG FÜR DIE EHRENAMTLICHE INITIATIVE "AUTISMUS VERSTEHEN"

Veröffentlicht am 27.09.2017

Autismus-Spektrum: Leben unter einer Glasglocke

Inke Haußmann und Aurica Andres (links auf dem Foto) erhalten für die ehrenamtliche Initiative "Autismus verstehen" den mit 12.000 Euro dotierten Leuchtturm-Preis 2017 der Stiftung Ravensburger Verlag. Die beiden Vorsitzenden des seit 2008 existierenden, überregional tätigen Reutlinger Vereins tragen dazu bei, die Situation von Betroffenen, Angehörigen und Unterstützern im Autismus-Spektrum zu erleichtern. Die Stiftung Ravensburger Verlag vergibt den Leuchtturmpreis jährlich "für vorbildliches Engagement im Sektor familiäre, institutionelle oder ehrenamtliche Bildung und Erziehung von Kindern und Jugendlichen".

Lobby für Betroffene und Angehörige

"Die Tätigkeit der Ehrenamtlichen im Verein 'Autismus verstehen' erfüllt in hohem Maße die Ziele unseres Leuchtturmpreises", begründet Stiftungsvorstand Johannes Hauenstein die Preisentscheidung. "Betroffene Eltern, Angehörige und Betroffene selbst finden hier kompetente und hilfsbereite Gesprächspartner, um sich im Labyrinth von Behörden, Medizinern, Einrichtungen zurechtzufinden und für den Alltag zu wappnen. In dieser Notsituation steht der Verein 'Autismus verstehen' ihnen zur Seite."

Selbstbezogen und hochintelligent

"Autismus" bedeutet "Selbstbezogenheit", meist als Folge einer sonst nicht bewältigbaren hohen Empfindlichkeit. Es wird derzeitig davon ausgegangen, dass mindestens ein Prozent der Bevölkerung zum Autismus-Spektrum gehören. Dies betrifft entgegen landläufiger Meinung keinesfalls nur Kinder und Jugendliche. Nicht wenige Menschen erfahren erst im Erwachsenenalter von ihrer neurologischen Besonderheit, bei der das Gehirn anders funktioniert als üblich. Die Betroffenen können Informationen wegen Reizüberflutung oft nicht angemessen verarbeiten, sie verfügen über eine hohe Sensibilität, weshalb es zu vielen Überforderungssituationen mit entsprechenden Auswirkungen in allen Lebensbereichen kommen kann. Genetische Faktoren werden in der Forschung diskutiert, jedoch wurden bisher keine eindeutigen Gene für Autismus gefunden. Ausschließlich Psychiater können eine korrekte Diagnose stellen, und der Weiterbildungsbedarf bei Kinderärzt/innen, Erzieher/innen, Lehrer/innen, Therapeut/innen und anderen Fachleuten ist hoch

Asperger-Syndrom häufigste Variante

Das Asperger-Syndrom als häufige Form des Autismus-Spektrums geht mit besonderer Wahrnehmung von Menschen, Umgebung und Erfahrung einher. Viele der Betroffenen verfügen über eine hohe Sprachfähigkeit und meist normale bis überdurchschnittliche Intelligenz sowie besondere Fähigkeiten, haben aber Schwierigkeiten mit Kommunikation und sozialer Interaktion. Sie haben Probleme, Mimik, Gestik und Tonalität anderer Menschen wahrzunehmen und richtig zu interpretieren. Blickkontakte fallen ihnen schwer und verbale Aussagen nehmen sie oft wörtlich, Subtext oder Ironie ist ihnen fremd. Entdeckt wurde die Persönlichkeitsvariante schon in den 1930er/40er Jahren durch den österreichischen Kinderarzt Hans Asperger, in der internationalen Forschung ist sie seit den 1990er Jahren anerkannt, und erst seit der Jahrhundertwende 2000 stieg die Aufmerksamkeit dafür bei Ärzten, Lehrern und Eltern stetig an.

Selbsthilfegruppen und kommunikative Assistenz

Anlass für die Gründung des Vereins "Autismus verstehen" waren die mangelhaften Förder- und Unterstützungsangebote für Personen im Autismus-Spektrum. Sofern Menschen (oft am Ende eines langen Leidensweges) überhaupt als Autisten diagnostiziert werden, fallen sie danach oft durch das soziale Netz. Die ehrenamtlich Tätigen Vereinsmitglieder erhalten im Durchschnitt täglich rund 50 Anfragen mit Beratungswünschen. Sie gründeten regionale Selbsthilfegruppen für Angehörige und erwachsene Autisten, Arbeitsgruppen für Schule und Beruf. Sie beteiligten sich am Aufbau einer Fach- und Koordinierungsstelle im Landkreis Reutlingen, die derzeit als Modellprojekt umgesetzt wird. Sie vermitteln Begleitpersonen als kommunikative Assistenz (z. B. bei Behördengängen) und fachliche Ansprechpartner, beraten Betroffene persönlich und telefonisch, organisieren Fortbildungen und Vorträge. Das Informations-Magazin des Vereins erscheint unter dem Titel "autismus verstehen". Darin kommen Menschen mit Autismus-Diagnose, Angehörige und Fachleute zu Wort.