SCHULFÖRDERPROJEKT "LERNKASKADE" ERFOLGREICH ANGELAUFEN: CHANCENGLEICHHEIT IN DREI ULMER SCHULEN

Veröffentlicht am 29.06.2018
Eine positive Bilanz zum Schuljahresende haben die Stiftung Ravensburger Verlag und der gemeinnützige Verein und Träger der freien Jugendhilfe Chancenwerk e. V. über das Ulmer Förderprogramm "Lernkaskade" gezogen. In dem seit Herbst 2016 laufenden Programm profitieren derzeit 125 Schüler(innen) aus drei Schulen von Lernhilfe und Nachhilfekursen. Es handelt sich nicht um klassischen Nachhilfeunterricht, den die Eltern finanzieren müssen, sondern um ein Lernkonzept, das den Kindern und Jugendlichen mehr Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem bietet als üblich. Die Stiftung Ravensburger Verlag fördert die Ulmer "Lernkaskaden" mit 150.000 Euro.
Die Studentin Maleen (rechts) unterstützt als Lernkoordinatorin ältere Schülerinnen in der Ulmer Elly-Heuss Realschule.

Bildungszugang unabhängig vom Geldbeutel

Das Prinzip "Lernkaskade" beruht auf der Idee, dass ältere Schüler(innen) jüngere Kinder der 5. bis 7. Klassenstufen unter professioneller Begleitung unterstützen und unterrichten. Zuvor werden sie in mehreren Workshops auf die Aufgabe vorbereitet. Die älteren Schüler(innen) wiederum erhalten gezielte Nachhilfekurse in ihren eigenen Lernfächern durch (ebenfalls zuvor geschulte) studentische Betreuer(innen) und Koordinator(innen). In der Kaskadenabfolge erhalten nur die Studierenden eine Entlohnung für ihre Leistung. Die Eltern der jüngeren Kinder zahlen einen geringen, noch dazu einkommensabhängigen Beitrag. Der Geldbeutel spielt daher eine geringe Rolle in diesem Projekt. Von der Förderung können ausnahmslos alle Schüler(innen) profitieren.

Deutsches Schulsystem hinkt Bildungsansprüchen hinterher

"Trotz politischer Bemühungen ist es in den vergangenen Jahrzehnten nicht gelungen, den Bildungsverlauf junger Menschen von ihrer sozioökonomischen Herkunft zu trennen. Von der angestrebten Chancengleichheit ist das deutsche Bildungssystem weit entfernt, wenn Bildungsstatus und Einkommen der Eltern über die Zukunftsperspektiven von Kindern entscheiden." Dies erklärte der Chancenwerk-Vorsitzende Murat Vural in Ulm zur Erläuterung der Bildungsaktivität des überregional tätigen Vereins, der seinen Hauptsitz im nordrhein-westfälischen Castrop-Rauxel hat.

Manche Lerntutor(innen) kommen aus dem Schubart-Gymnasium

Wie Vural weiter berichtete, konnte sich die Lernförderung seit dem Beginn der Aktivitäten im Herbst 2016 an den Schulen in Ulm gut etablieren. Sie wurde zum festen Bestandteil des Schulalltags in der Albert-Einstein-Realschule, der Ulrich-von-Ensingen-Gemeinschaftsschule und der Elly-Heuss-Realschule. Durch eine Kooperation mit dem Schubart-Gymnasium konnten weitere Lerntutor(innen) gewonnen werden. 40 bis 60 Prozent der geförderten Schüler(innen) haben einen Migrationshintergrund. 30 Prozent der Kinder kommen aus einem Arbeiterhaushalt, zwischen 13 und 30 Prozent schwankt die Zahl der nichterwerbstätigen Eltern. Akademiker sind mit 7 bis 12 Prozent vertreten.
Die Studentin Sara (2. v. r.) unterstützt als Lernkoordinatorin ältere Schülerinnen in der Ulmer Elly-Heuss-Realschule.

Stiftung Ravensburger Verlag gibt 150.000 Euro Starthilfe

"Durch diese Bildungsinitiative wird kein Kind aus sozialen Gründen von einer Förderung ausgeschlossen. Die Stiftungsmittel werden gezielt dorthin geleitet, wo das Elternhaus nicht für Nachhilfekosten aufkommen kann und auch keine staatliche Förderung vorgesehen ist", begründet Stiftungsvorstand Johannes Hauenstein das Engagement der Stiftung Ravens-burger Verlag. Die gemeinnützige Stiftung beteiligt sich an dem Projekt mit einer Anschubfinanzierung von 150.000 Euro für die ersten drei Jahre der Ulmer Aktivität.
Die Studentin Maleen (rechts) hilft Kindern, die für sie schwierigen Schulthemen zu bearbeiten.

Ältere helfen Jüngeren und bekommen dafür selbst Nachhilfe

Der Konrektor der Albert-Einstein-Realschule, Markus Schneider, bewertet das Förderprogramm als gute Ergänzung zur Halbtagesschule. "Ein wichtiger Grund, uns Chancenwerk zu öffnen, war zum einen die Tatsache, dass die Angebote von Chancenwerk unabhängig vom Geldbeutel der Eltern in Anspruch genommen werden können, zum anderen finde ich das Prinzip der Lernkaskade, dass ältere Schüler jüngeren helfen und dafür selbst Unterstützung erhalten, sehr durchdacht und schlüssig. Nachdem im ersten Jahr hauptsächlich jüngere Schüler teilgenommen haben, hat sich dies im zweiten Jahr positiv entwickelt; die Zahl der Älteren ist so gestiegen, dass die Lernkaskade gut funktioniert. Chancenwerk ist an unserer Schule angekommen!"

Faire Zukunftschancen eröffnen

Gerhard Semler, Abteilungsleiter Bildung und Sport der Stadt Ulm, zieht ebenfalls eine positive Bilanz: "Jeder Mensch muss das Recht und damit auch die Möglichkeit haben, an Bildung teilhaben zu dürfen. Dabei ist ein gleichberechtigter Zugang zu Bildung unabhängig von sozialer und kultureller Herkunft notwendig, um jedem faire Zukunftschancen zu ermöglichen. Chancengerechtigkeit bedeutet auch, jeden in seinen Begabungen und Kompetenzen entlang seiner Bildungsbiographie entsprechend zu fördern und zu unterstützen."