PREISVERLEIHUNGEN FÜR LEUCHTTURM- UND BUCHPREIS 2014 IN BERLIN

Veröffentlicht am 19.11.2014

Hat das Lebensmodell Familie eine Zukunft? Was tun gegen Überforderung vieler Eltern?

"Neue, asexuelle Methoden der Fortpflanzung bedrohen keineswegs den Bestand der liebevoll verbundenen Kleinfamilie – im Gegenteil: Sie tragen dazu bei, das gefährdete traditionelle Lebensmodell Vater-Mutter-Kinder zu erhalten." Diese Kernthese seines Buches "Kinder machen" erläuterte der Kulturwissenschaftler Professor Dr. Andreas Bernard (Leuphana Universität Lüneburg) in Berlin. Er sprach anlässlich der Verleihung der Jahrespreise 2014 der Stiftung Ravensburger Verlag.
An diesem Abend überreichte Stiftungsvorsitzende Dorothee Hess-Maier den mit 8.000 Euro dotierten Leuchtturm-Preis 2014 der Stiftung an den Hamburger Sozialunternehmer Volker Baisch für das von ihm gegründete Väter-Netzwerk.

Den mit 12.000 Euro versehenen Buchpreis 2014 der Stiftung erhielt die Münchener Schriftstellerin Lena Gorelik für ihren Familienroman "Die Listensammlerin". Die Buchpreis-Laudatio hielt die freie Literaturkritikerin Dr. Wiebke Porombka.

Wie entsteht ein Kind im 21. Jahrhundert?

Leihmutter, auch Tragemutter genannt, Eizellenspenderin, Samenspender, künstliche Befruchtung – diese in Deutschland teils illegalen, jedoch international praktizierten Möglichkeiten der "assistierten Empfängnis" führen zu veränderten Familienkonstellationen. "Weltweit gibt es über fünf Millionen durch Invitro-Fertilisation entstandene Menschen. In Deutschland geht jede vierzigste Geburt auf künstliche Befruchtung zurück, und mehr als 100.000 Kinder sollen durch die Samenspende eines Dritten gezeugt worden sein." Professor Dr. Andreas Bernard sprach in seinem Vortrag "Neue Reproduktionstechnologien und die Ordnung der Familie" von einem "neuen Menschenbild" des 21. Jahrhunderts.

Neue Reproduktionstechnologien und die Ordnung der Familie

Das zweihundert Jahre unangetastete gesellschaftliche Idealbild der Kleinfamilie sei infolge der gesellschaftlichen Umbrüche von 1968 in eine "tiefe Krise" geraten: stetig steigende Scheidungsraten, Geburtenrückgang, freie Sexualbeziehungen, Selbstbestimmung der Frauen. Bernard: "Einerseits zerfasert seit den 1970er Jahren eine Lebensform, die lange Zeit als maßgebliches soziales Modell galt. Andererseits erlebte die Reproduktionsmedizin in jenem Jahrzehnt einen entscheidenden Durchbruch."
Die neuen Möglichkeiten, Kinder zu zeugen und auszutragen, fielen genau in diese Phase hoher sozialer Labilität, erläuterte der Kulturwissenschaftler. "Jedoch wirken sie nicht zerstörerisch, sondern bewahrend. Warum sind in IVF-Kliniken oder Samenbanken die Wände voll mit Fotos von Babys, Kindern und jungen Familien?
Weil das Zuhause mit biologischen oder sozialen Vätern, leiblichen oder Wahl-Müttern, sei es in klassischer Vater-Mutter-Kind-Konstellation, in Regenbogen- oder in Patchwork-Familien immer die entscheidende Komponente für Kinder ist, mögen Spermium, Eizelle, Gebärmutter auch von beliebigen Personen beigesteuert worden sein."

Eltern in der "Rush-Hour des Lebens"

Der Mikrosoziologe Professor Dr. Hans Bertram (Humboldt-Universität Berlin) fand in seiner Laudatio auf Leuchtturmpreisträger Volker Baisch (Väter gGmbH) deutliche Worte über die "überforderte Generation" der 30- bis 45jährigen, die sich durch die "Rush Hour des Lebens" kämpften, die Familie und Beruf unter einen Hut bringen müssten. "Für Familien ist es viel schwerer geworden, den Alltag zu bewältigen. Die Väter und Mütter stehen unter starkem Zeitdruck, schlafen weniger, essen schneller, nehmen sich weniger Zeit für Erholung. Es gab eine Zeitverschiebung zugunsten der Arbeitswelt und zugunsten der Kindererziehung – obwohl es weniger Kinder gibt und wir durchschnittlich weniger Wochenstunden arbeiten!"

Mehr Lebensqualität für die überforderte Generation!

Bertram, dessen wissenschaftliche Untersuchungen und Erkenntnisse zum Thema familiäre Lebensqualität demnächst in dem Buch "Die überforderte Generation – Arbeit und Familie in der Wissensgesellschaft" nachzulesen sind, forderte von der Politik, altersflexiblere Karrieremuster zu fördern und scheinbar chaotische Biografien zuzulassen. "Wir benötigen mehr Durchlässigkeit und gesellschaftliche Anerkennung für anders strukturierte berufliche und familiäre Lebensphasen der Menschen. Ein Beispiel: Mit 55 Jahren sollte es möglich sein, sich intensiv um die Enkel zu kümmern oder ein Studium zu beginnen oder Karriere zu machen oder den 15jährigen Sohn und die 14jährige Tochter auf ihrem Bildungsweg zu begleiten."